Worauf wartest Du eigentlich?

Die Unterzeile meines Blogs heißt „Mach Dein Ding“. Wozu sollte das Leben sonst da sein? Doch oft halten wir uns zurück, aus Angst, dass es nicht klappen könnte. Dabei ist die große Katastrophe in Wahrheit ein Kataströphchen.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau: Ich saß in einem Einzelzimmer in einem Hostel in Shanghai. Vor 8 Stunden hatte ich mich von meinem Geschäftspartner und Freund Michael am Flughafen verabschiedet. Draußen hörte ich eine Gruppe australischer Backpacker lachen. Ich saß in meinem Zimmer, neben mir mein Rucksack mit all meinem Besitz, schaute in den Spiegel und fragte mich: Bin ich wahnsinnig?

Dieses Gefühl kenne ich mittlerweile gut: das Gefühl, jetzt sei ich aber wirklich wahnsinnig geworden.

Wie konnte ich nur? Wie konnte ich meinen Job kündigen und mich selbständig machen? Es würden doch niemals genug Kunden kommen!

Wie konnte ich alle meine Sachen verkaufen und alleine um die Welt reisen? Ich würde der einsamste Mensch der Welt sein!

Wie konnte ich mich bis über alle Ohren verschulden und einen Billardsalon in Berlin eröffnen? Damit verdient man doch kein Geld!

Und doch habe ich alle diese Entscheidungen getroffen. [tweetable alt=“Bin ich besonders mutig? Nein. Ich habe nur vorher gründlich nachgedacht.“ hashtag=““]Bin ich tollkühn? Bin ich besonders mutig? Nein. Ich habe nur vorher gründlich nachgedacht.[/tweetable]

Genau, es handelt sich hier um das absolute Gegenteil von Tollkühnheit. Die oben beschriebenen Gedanken kennen viele. Die große Angst, dass die eigenen Träume ein Luftschloss sind und zum Scheitern verdammt. Denn es gibt ja realistische Gründe, warum es nicht klappen könnte. Meine oben genannten Sorgen waren nicht unbegründet. Das kann natürlich alles passieren.

Wenn ich diese Gedanken aber als Grund nehme, etwas nicht zu wagen, mache ich einen fatalen Denkfehler: dass das Scheitern das Ende meiner Existenz ist.

Was heißt es eigentlich, sein Ding zu machen?

Wenn du dir anschaust, was ich so mache, und vielleicht andere Blogs von digitalen Nomaden, Reisebloggern oder Solopreneuren liest, kannst Du schnell den Eindruck gewinnen, dein Ding zu machen hieße, dein Leben komplett auf den Kopf zu stellen, ein Unternehmen zu gründen, aus einem 20-Liter-Rucksack zu leben und Surfen zu lernen. Aber was, wenn das nicht dein Ding ist?

Wenn du lieber sechs Kinder hättest, ein Haus bauen würdest, Zither lernen möchtest oder was auch immer? Ich finde nichts schlimmer, als wenn ein Lebensentwurf als der einzig selig machende verkauft wird. Mir geht es darum, dass du dein Ding machst, und der einzige, der darüber entscheidet, bist du. Nur weil eine Sache nicht „cool“ ist, heißt es nicht, dass sie nicht dein Ding sein kann.

Es geht also nicht um Lösungen, sondern um die richtigen Fragen.

  • Was willst du?
  • Womit willst du Geld verdienen?
  • Womit willst du deine Zeit verbringen?
  • Wen willst du um dich haben?
  • Was willst du mit anderen teilen?
  • Was willst du hinterlassen?

Und dann findest du deine Antworten darauf und setzt sie um. Wozu ich dich ermutigen möchte, ist, die Angst hinter dir zu lassen.

Das Worst-Case-Szenario als Entscheidungshilfe

Wenn ich vor großen, Angst einflößenden Entscheidungen stehe, dann male ich mir aus, was im schlimmsten Fall passieren könnte. Ich nehme den schlimmsten Fall gedanklich vorweg und überlege, was daraus die Konsequenz wäre.

Hier ein paar Beispiele:

Ich kündigte meinen festen Job im Online-Marketing

Als ich meinen Job kündigte, um wieder selbständig zu arbeiten, war meine größte Befürchtung, dass ich nicht genug Aufträge bekäme und meinen Lebensunterhalt nicht bezahlen könnte.

Was wäre der Worst Case? Ich müsste mir wieder einen Job suchen – also das Gleiche machen wie vor meiner Entscheidung. Klingt nicht wirklich bedrohlich, oder?

Und was, wenn ich keinen Job finden würde? Dann müsste ich im schlimmsten Fall von Hartz 4 leben, was heißt, dass mich jemand dafür bezahlen würde, dass ich nichts mache. Und eine Wohnung und einen Fernseher dürfte ich auch haben.

(PC-Disclaimer: Ich weiß, dass es für viele kein Spaß ist, von Hartz 4 zu leben. Ich glaube aber, dass das eigentliche Unglück nicht darin liegt, wenig Geld zu haben, sondern in der fehlenden Perspektive und dem Gefühl, nutzlos zu sein. Ich habe mal ein paar Monate Hartz 4 bekommen und fand es nicht so schlimm. Hartz 4 ist für mich nicht erstrebenswert, aber kein ausreichendes Schreckensszenario, um etwas so Spannendes wie meine berufliche Selbständigkeit nicht zu wagen.)

Ich gab fast alle meine Sachen her und ging nach Asien

Als ich mich entschied, meinen physischen Besitz aufzulösen und fortan als digitaler Nomade die Welt zu bereisen, war meine größte Angst, zu vereinsamen oder als mußhirniger Hippie im LSD-Wahn zu versacken. Nachdem ich nachgedacht hatte, war mir klar, dass die Hippie-Gefahr ja klar von meinen Entscheidungen abhing, und ich traute mir zu, mich davor zu schützen. Ich hatte die Kontrolle darüber. Und sollte ich vereinsamen und unglücklich sein, könnte ich ja wiederkommen.

Der Worst Case war also, das Projekt zu beenden und wieder zurück nach Berlin zu gehen. Das ist so banal und frei von Risiko, dass es nicht mal den Namen „Worst Case“ verdient.

Ich eröffnete eine Billardbar in Berlin (mit fremdem Geld)

Das dritte Beispiel war dann schon nicht mehr so einfach zu entscheiden. Ich hatte das Angebot bekommen, zusammen mit einem Partner einen Billardsalon in Berlin zu eröffnen. Ein Jugendtraum, über den ich oft gesprochen und nachgedacht hatte. Das Wollen war hier nicht die Frage – aber war es eine gute Idee? Für die Finanzierung war gesorgt, eine Fläche war schon gefunden. Ich musste nur ja sagen. Was war hier der Worst Case? Dass der Laden nicht laufen würde, ich zigtausend Euro Schulden und kein Einkommen hätte. Warum mich das nicht panisch machte, beschreibe ich im nächsten Absatz.

Die „Und dann?“-Technik

Kleine Kinder spielen gerne das „Warum?“-Spiel. Sie bekommen eine Erklärung und hinterfragen diese wieder mit „Warum?“. Und dann wieder „Warum?“. Bis der Erwachsene sich in die Hand beißt, vor dem Mund schäumt und Kinder hasst.

Diese Technik nutze ich in abgewandelter Form, um den Worst Case zu definieren. Statt „Warum?“ frage ich aber „Und dann?“ Beispiel oben:

  • Der Billardsalon könnte pleite gehen. Und dann?
  • Ich hätte Schulden und kein Einkommen. Und dann?
  • Ich müsste mir einen Job suchen bzw. ein neues Einkommen und evtl. Privatinsolvenz anmelden. Und dann?
  • Ich würde von einem Einkommen an der Pfändungsgrenze leben (rund 1000,- Euro/Monat), bis sechs Jahre um sind oder ich meine Schulden abbezahlt hätte. Und dann?
  • Ich wäre immer noch ich. Ich könnte immer noch Bücher lesen, könnte immer noch Billard spielen, Filme schauen, spazieren, Sport machen usw. Und dann?

Mein Leben würde weitergehen.

Sicherheit ist eine Illusion

Der Worst Case von vielen, vielen Menschen auf der Welt sieht ganz anders aus. Deren Worst Case ist es, zu hungern, zu leiden oder zu sterben. Und das war bis vor wenigen Jahrzehnten auch der normale Worst Case für Menschen in Deutschland.

Der Mensch ist für eine Welt gemacht, die ihn täglich das Leben kosten kann. Dagegen sind unsere Worst-Case-Szenarien ein Witz! [tweetable alt=“Menschen mit deutschem Pass haben per Geburt absolute Narrenfreiheit.“ hashtag=““]Menschen mit deutschem Pass (oder einem aus einem vergleichbar reichen Land) haben per Geburt absolute Narrenfreiheit.[/tweetable]

Wir müssen uns so unglaublich blöd anstellen, um unser Leben in Gefahr zu bringen (Zufall ausgeschlossen), dass wir uns eigentlich alles mögliche erlauben können. Jedenfalls gibt es keinen vernünftigen Grund, mit deutschem Pass in der Tasche nicht sein Ding zu machen. Für unser leibliches Wohlbefinden ist so gut gesorgt wie fast nirgendwo sonst auf der Welt, und das Leben ist nun mal nicht sicher. Es gibt keine besseren Voraussetzungen, und es ist fast eine Beleidigung bzw. Verhöhnung von ärmeren Menschen auf der Welt, wenn wir nicht unser Ding machen. Wir haben eine Verpflichtung dazu! Also worauf wartest Du eigentlich, verdammt noch mal?

 

Patrick

Ich bin seit 2012 digitaler Nomade. Ich habe damals mein ganzes Zeug verkauft oder verschenkt und bin 9 Monate durch Asien gereist. 2013 war dann Europa dran. In 2014 habe ich mich hauptsächlich um den Aufbau meines neuen Business gekümmert, dem Bata Bar & Billiards in Berlin. Daneben betreibe ich noch einen Onlineshop für Billardzubehör. Auf heldenleben.com blogge ich über ortsunabhängiges Leben und Arbeiten, berufliche Selbständigkeit und persönliche Weiterentwicklung.

Mehr über mich unter „Neu hier?“ und auf about.me/pbaumann

2 Kommentare

  • Glückwunsch! Ich hab das 1971 ähnlich gemacht und seitdem mehr als mein halbes Leben außerhalb Deutschlands verbracht: 5 Jahre in Belgien, 15 Jahre in Griechenland, 11 Jahre in Spanien gelebt. Seit 2001 lebe ich in Paraguay.

    Bis das Internet kam habe ich meine Kunden in Deutschland weitgehend per Telefon betreut und sie alle 3 Monate mal persönlich aufgesucht. Seit 1995 treffe meine Kunden relativ selten, stehe aber ständig mit ihnen in Kontakt. Immer mehr meiner Kunden machen es mir nach und nutzen das enorme Wachstum in Paraguay, um an die früheren Erfolge wieder anzuknüpfen. In einem Land, in dem Auslandseinkommen steuerfrei sind und Inlandseinkommen mit einer Einkommensteuer von nur 10 Prozent zu versteuern sind, ist der Leistungsdruck so niedrig, dass man mit weniger Aufwand besser leben kann …

    PS. Was den Worst Case „Privatinsolvenz“ betrifft, habe ich ein EU-Land gefunden, in dem man sich innerhalb von nur 3 bis 4 Monaten selbst entschulden kann, weil es dort keine sogenannte „Wohlverhaltenszeit“ gibt, die in Deutschland 5 Jahre dauert. Auch dieses Problem ist also in Wirklichkeit keines mehr. Und wenn man es so macht, wie mein unternehmerisches Vorbild Kurt A. Körber, dann macht man sein Ding ohne Schulden. Er starb 1992 als Multi-Milliardär, ohne jemals auch nur eine Mark Bankkredit in Anspruch genommen zu haben. Körber reinvestierte immer nur seine Gewinne und errichtete ein Imperium aus eigener Kraft.

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